Firmenübergabe. Vater und Sohn Hilscher haben erkannt: Gegeneinander geht nicht

Sein Lebenswerk loszulassen und der nächsten Generation das Ruder zu übergeben, ist eine schwierige Gratwanderung. Neben betriebswirtschaftlichen Zahlen und Fakten spielen emotionale Aspekte eine ungleich größere Rolle. Sowohl Übergeber als auch Übernehmer müssen diesen Schritt im besten Fall frühzeitig, jedenfalls aber gemeinsam gehen. Transparenz, aufeinander zugehen und die Bereitschaft zu Kompromissen sind gefragt.

Wie ein Einstieg in den Familienbetrieb gelingen kann, zeigt das Beispiel Overtec. Jungunternehmer Sebastian Hilscher wollte nicht immer mit seinem Vater zusammen- arbeiten. „Mein Vater und ich können sehr stur sein. Und ich wusste: Wenn ich einsteige, geraten wir aneinander“, sagt er. Als der Vater, Firmengründer und damals CEO, krank wurde, ging es aber schnell. „Wir hatten keine Zeit, um zu überlegen. Wir brauchten Aufträge und mussten die Produktion in Gang setzen. Sonst wären alle Investitionen verloren gewe-sen“, so Hilscher. Er wollte alles von heute auf morgen niederreißen, habe keinem geglaubt und alles besser gewusst. Es sei ein langer Prozess gewesen, zu erkennen, dass man immer miteinander muss. „Sobald wir anfangen gegeneinander zu arbeiten, können wir einpacken“, sagt Hilscher heute. Er ist davon überzeugt, dass man bei den Grundzielen der Firma übereinstimmen müsse und Mitarbeiter niemals merken dürften, wenn ein Konflikt bestehe. Vorerst hat Sebastian Hilscher die Geschäftsführung übernommen, die rechtliche Übergabe werde aber noch ein spannendes Thema: Es gibt drei Kinder.

Der Erfolg gibt den beiden Recht. In Kürze präsentiert Overtec eine Weltneuheit: Eine Schalungskonstruktion, die einen Quantensprung im Bereich des Sichtbetonbaus darstellt. Vom Wissen und der Erfahrung seines Vaters profitiere er noch immer enorm, sagt Hilscher.

Geordnete Übergabe

Dass bei Betriebsübergaben nicht immer alles von An- fang an harmonisch und geordnet abläuft, bestätigt Ronald Hala. Der Unternehmensberater hat in den vergangenen Jahren mehr als 30 Firmenübergaben begleitet. „Unternehmer reagieren auf die Thematik Betriebs- uÜbergabe eher zurückhaltend und in vielen Fällen so- gar ablehnend. Manche schieben das Thema vor sich her“, so Hala. Es sei entscheidend, neben den Vorstellungen des Übergebers, auch die Wünsche und Bedürfnis- se aller Beteiligten, insbesondere des Nachfolgers zu berücksichtigen. Dabei sei die Überprüfung der Wirtschaftlichkeit des bestehenden Unternehmens, um Stärken und Schwächen zu identifizieren, für ihn vor einer Übergabe selbstverständlich. Hala rät daher Interessierten, eine geplante Übergabe so früh wie möglich einzuleiten. „Nur eine familiär gemein- sam abgestimmte Nachfolgelösung sichert langfristig den Fortbestand von Familienunternehmen“, ist Hala überzeugt.

Herz der Wirtschaft

Aktuelle Zahlen bei Betriebs- übernahmen und -übergaben für das Gesamtjahr 2014 verdeutlichen die volkswirtschaftliche Relevanz: 2014 wurden 6675 Betriebe übernommen, ein leichter Rück- gang von 2,5 Prozent oder 171 Übernahmen im Jahres- vergleich. Die meisten Über- nahmen verzeichnete mit 32,8 Prozent bzw. 2188 Über- nahmen der Bereich Tourismus und Freizeitwirtschaft, gefolgt von den Gewerbe- und Handwerksbetrieben mit 1579 Übernahmen (knapp 24 Prozent) und dem Handel mit 1498 Über- nahmen (22,4 Prozent).

Laut Studie der KMU-Forschung Austria aus 2014 im Auftrag von WKÖ und Wirtschaftsministerium werden erfolgreiche Übergaben in den kommenden zehn Jahren die Arbeitsplätze von rund 450.000 Personen sichern – das seien 30 Prozent aller in KMU Beschäftigten, so Elisabeth Zehetner-Piewald, Bundesgeschäftsführerin des Gründerservice der Wirtschaftskammer Österreich. Von 2014 bis 2023 würden 45.700 kleine und mittlere Arbeitgeberbetriebe vor der Herausforderung stehen, einen geeigneten Nachfolger zu finden.

Eine aktuelle Studie der Universität St.Gallen in Kooperation mit dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young beleuchtete konkret den Nachfolge-Willen bei Familienunternehmen. Dazu wurden 34.000 Unternehmerkinder aus 34 Ländern befragt. Das wenig erfreuliche Ergebnis: In der eigenen Familie wollen lediglich 3,6 Prozent der Studierenden in Österreich, in fünf Jahren nach ihrem Abschluss den Betrieb ihrer Eltern fortführen. Nur etwa zwölf Prozent können sich grundsätzlich vor- stellen, einmal die elterliche Nachfolge anzutreten.

Nachfolgebörse

Firma sucht Chef

Unternehmer, die ihren Betrieb nicht innerhalb der Familie übergeben können sowie Jungunternehmer die einen bestehenden Betrieb fortführen wollen, können sich auf der Nachfolgebörse der WKO finden. Derzeit teilen sich rund

1300 Nachfolgeangebote und 250 Interessenten für eine Übernahme den Marktplatz.
Wer möchte, kann sich auch ohne Anmeldung online informieren: www.nachfolgeboerse.at